Entschleunigung vs. Homeoffice: Spielstand 1 : 1
Heute ist Gründonnerstag, vier freie Tage vor uns (oder vor mir). Ich weiß, das klingt seltsam hier in Schweden. Und ich weiß auch gar nicht, ob der Gedanke trägt oder statthaft ist. Aber nach 6 Stunden Videokonferenz hab ich mich auf das Zuklappen des Rechners echt gefreut.
Gründe für das angestrengte Gefühl?
Möglichkeit 1: „Remote-Arbeit ist verstörend“
Ich habe heute ein paar Tweets gesehen, in denen auf die Verwirrung verwiesen wurde, die aus kognitiven Dissonanz entsteht: Unser Geist stellt auf „Wir sind in einer Gruppe und arbeiten“, wohingegen unser Körper sagt „aber es ist doch gar keiner hier“. Ich finde den Gedanken spannend, denn die schmerzhafte Wachheit oder die lethargische Distanz, mit der ich mich mal so und mal so in den Videokonferenzen erlebe, wird so ein wenig erklärbar.
Je nachdem, welche Seite grad dominiert, passiert das eine oder das andere. Aufgehoben und selbstverständlich finde ich mioch jedenfalls in den Remotecalls eher selten.
Möglichkeit 2: „Entschleunigung trifft auf Turboarbeit“
Ich werde in Schweden langsamer. Nach zwei, drei Tagen ist der Duracell-Hasen-Aufgabenspeicher leer und die Tage gehen schneller mit gleichzeitig weniger Aktivitäten rum: „Jag kopplar av“, wie die hier so schön sagen. Dieses Entkoppeln passiert – so ist mein Eindruck – unvermeidlich. Und auch wenn man nicht arbeitet. Bei mir merke ich das z. B. am Konsum von Nachrichten und Magazinbeiträgen. Es wird einfach viel, viel weniger.
Demgegenüber routinisiert und akzeleriert sich die Remote-Arbeit. Das fängt beim Arbeitsplatz an. Man weiß, wo was liegt, die Laufzeit der Akkus ist bekannt, die Nachladepausen oder der Devicewechsel wird in den Tagesablauf strukturierend eingebaut.
Arbeit und Pausen trennen sich deutlicher. Die Maschine fängt an zu schnurren. Gleichzeitig erhöht sich die Schlagzahl. Langsam und unmerklich, aber weil es den Kollegen auch so geht wie einem selbst, steigert sich die Geschwindigkeit und Taktzahl. Anstatt mit weniger Aufwand das Gleiche zu schaffen und damit zufrieden zu sein, steigert sich die Intensität und die freie Zeit schreit nach „sinnvoller Nutzung“. Wenn dann die Arbeitsaufgaben weniger werden, nimmt die Arbeit auf Distanz den freien Raum ein.
Entschleunigung kämpft gegen Effizienzsteigerung.
Möglichkeit 3: Ich bin einfach durch mit dem Thema „Arbeit“
Was meine ich damit? Und trau ich mich, das zu benennen? ich versuch mal. Einfach gesagt: ich brenne nicht mehr für meine Arbeit. Ich bin es müde.
Ich war immer ehrgeizig. Ich wollte immer gut sein. Ich habe immer eine große Befriedigung daraus gezogen. Ich denke, dass ich in vielerlei Hinsicht einen erfolgreichen Weg gegangen bin. (Achtung: und schon eier ich rum. Das wollen wir nicht. Deswegen Klartext:) „das ich erfolgreich bin“.
Nota bene: ich habe auch viele Ziele nicht erreicht. Das war aber immer ok, solange ich alles, aber auch alles, was drin war, auf dem weg dahin gegeben habe. Dieses „alles“ war oft ziemlich viel, aber wenn es dann trotz des „alles“ nicht geklappt hat, war ich damit auch „glatt“ (zufrieden will ich nicht sagen“) Zu Sch… nervte mich immer, wenn ich nicht alles versucht habe oder es hätte besser wissen und machen können. Egal, welche Gründe man ins Feld führen konnte. Es nicht versucht zu haben oder das falsche getan zu haben kann ich (auch heute im Rückblick) nicht ertragen.
Und heute merke ich: bezogen auf meine Arbeit hat sich das geändert. Nicht nur hier, aber besonders hier, merke ich geänderte Schwerpunkte. Weniger tun, weniger haben und vielleicht auch weniger sein – das zieht mich an. Auf der Arbeitsbühne (Theaterchiffre, nicht Hebebühne) zu spielen, fixed mich nicht mehr an. Es ist irgendwie genug.
Schwere Kost?
Ich weiß seit langem: ich denke beim Schreiben und schreibe beim Denken. Und das ist manchmal ein guter, sehr oft aber auch ein nicht so guter Weg. Ich will es aber heute für Euch bei genau diesem Einblick belassen. Es scheint mir zumutbar und – hoffentlich – sinnvoll.
Ich bleibe skeptisch und frage mich, ob diese Gedanken einfach nur dem depressiven Formenkreis entspringen. Aber ein wenig denke ich auch: da (an allen drei Erklärungen) ist was dran. Schau genauer hin und lerne (dich weiter kennen).
Und das wird gut sein.
Bleibt gesund.
P.S. Leichte Kost
- Axel hat die Schalbretter rund um die Brunnenkrone abgebaut
- ich habe die Tür zum SPA mit Brettern zugemacht und alles schwarz gestrichen
- 1 Stein mitgebracht, 1 dicker Stein vom Gästehaus zur Trockenmauer verbracht
- eine große Hunderunde
- beide Insassen der Karlsborg sind sauber und durchgewärmt