Whodunit? – oder „Woher kommen die mysteriösen Löcher“

Prologenoma

Eines seltsamen Dinge, deren ich mit zunehmendem Alter „gewahr“ werde (was für ein schönes Wort, fast so wie „obschon“ und „demnach“), ist ein seltsames Missverhältnis zwischen der Menge der Befürchtungen katastrophaler Störungen („oh, was alles passieren kann“) und den Gewissheiten, dass es immer eine Lösung gibt („selbst wenn, ist doch kein Beinbruch“). Beides wird irgendwie mehr, wobei man doch erwarten sollte, das sich die beiden Wahrnehmungen konkurrierend verhalten (wenn es mehr Befürchtungen gibt, nimmt die Sicherheit ab und vice versa).

Aber nein, ich erlebe das Gegenteil. Unter anderem beim Reisen. Das führt dann zu ausführlichen Packlisten, mehrfacher Taschen- und Kofferraumkontrolle, 10 Minuten zusätzlicher Zeitreserve zu den schon eingeplanten 10 Minuten und anderen Absicherungen gegen Unvorgesehenes . Trotzdem sitzt im Nacken das Gefühl: heute geht es schief. Mir will es scheinen, als sei das sozusagen eine Spielart des Impostorsyndroms, nur das man nicht die eigene Kompetenz infrage stellt und erwartet, dass irgendeiner einem demnächst die eigene Unfähigkeit nachweisen wird, sondern, dass doch irgendwann die Panne auf der Autobahn, der vergessene Ausweis oder der bereits verstrichene Abfahrtstermin einem die doch ansonsten so schöne Reise verhagelt.

Nehmen wir als Beispiel meine Anreise, die vollkommen unspektakulär und geschmeidig verlief. 18:00 Abfahrt HB, kleiner Stau in Travemünde (angesagt waren +18 Minuten), darum kleiner Schlenker in die Stadt, daselbst getankt und die Reservekanister gefüllt, dann zum Checkin, immer noch Stau (aber so eingestiegen, dass es nur noch +8 Minuten waren), 20:45 am Checkin, kurz in der Schlange gewartet, rauf aufs Schiff, rein in die Kiste, fein Bubu gemacht, nächsten Morgen raus, keine Zollkontrolle, mit Wilma immer bergab Richtung Vaxjö, da eingekauft (Internet und Saatkartoffeln und Milch), Rest in Vimmerby eingeholt, 13:40 eintreffen in der Karlsborg, Strom an, Router an, Kühlschrank an, Kaffee gekocht und um 14:00 ein Zoom-Meeting mit der Firma gemacht. Abends den Rest eingeräumt. Brot, Bierchen, Falle. Peng!

Und trotzdem war ich gestresst (s. o.). Ich glaub, ich muss mal meine Mackenausstattung kritisch prüfen lassen!

Karlsborg

Hier ist Frühling. Zartes Birkengrün, Apfelbäume noch kahl, Kräuter wachsen, die ausgesäten Gemüse stehen noch sehr am Anfang. Ich hab die Tomaten und die gekauften Chilies ins Freiland gepflanzt, Kartoffeln gelegt und freu mich an der frischen Terra preta im Beet. Der Vassgöl hat 10 Grad (in den oberen 2 cm). Herr Pettersson war aber schon drin: 10 Schwimmzüge mit 2 mal Kopf unter Wasser. Heiland, war das kalt.

Es wird und webt und ballert: Meisen brüten, einige bauen noch, Schnäpper, Bachstelzen und weitere braune Federbälle sind am Start. Schwer verliebte Raben torkeln durch die Luft und der Kuckuck ruft mit Ausdauer. Die Kraniche hupen, der Kirschbaum ist weiß und der Beamtenvogel macht „ähem, ähem“, schnurrt abends eilig nach Haus, während die Spechte krakelen und die Schwalben noch unterwegs nach Småland sind.

Ich mag das so gerne, zwei Frühjahre binnen eines Jahres hintereinander zu erleben. Das ist wirklich das allerbeste.

Whodunit?

Eine Seltsamkeit gab es aber doch. Auf ca. 20 Quadratmettern hat in den letzten Wochen irgendein Viech lauter mehr oder weniger akurate Löcher in die Grünanlage gewühlt. Trittsiegel und Losung wurde nicht hinterlassen.

Ich vermute, dass es entweder ein sehr, sehr kleines Widschwein war (so ein borstiges Meerschwein, in etwa), eine genetisch verändert Monsteramsel oder ein Neu-Golfer mit einem unglaublich schlechten Handicap, der versucht hat Bälle ohne Tee abzuschlagen. Ach ja, was auch sein könnte, ist eine småländische Traingseinheit unseres ruhmreichen Heimatvereins unter dem Motto: „Rumpelfussball für Liga 2 üben“.

Egal, ich werde sanieren, Erde von draußen holen (oder Blumenerde kaufen), etwas Gras und Blumen aussäen und mich auf die Lauer legen.

Zum Thema Verbiss: der Zwetschgenbaum versucht sich zu bekrabbeln (er schlägt aus) und die dornenlose Brombeere schmollt noch.

Post scriptum

Nein, ich war noch nicht beim vermuteten neuen Coop in Ankarsrum. Vielleicht morgen. Aber wahrscheinlich ist der gar nicht da oder schon wieder zu oder hat keine Türen.

Wie ihr merkt, werd ich es grad nicht los – das „der-Himmel-wird-mir-auf-den-Kopf-fallen-Gefühl“ (siehe oben). Aber ich weiß ja auch, dass es gut ist oder wird. Das sagt mir die Erfahrung.

In diesem Sinne: Allseits gute Besserung,

wünscht Herr Pettersson*

* der allen Grund hat, sich zu freuen – so rund, gesund und fröhlich wie er hier sein darf

Verschwundene Einzelhändler und der Tag der kleinen Teile …

So lauten die Mottos des gestrigen Mon- und heutigen Dienstags. Fangen wir am Anfang an.

Drama oder „Ein Einzelhändler verschwindet …“

Gestern waren wir in der Stadt. Schon ab dem zweiten Tag in der Karlsborg sind solche Dinge ein echter Angang. Sachen anziehen. Zettel schreiben, noch mehr Sachen anziehen, andere Sachen anziehen. Löppiskiste ordentlich packen (man will ja schließlich einen guten Eindruck machen), Müll und Wertstoffe für die Återviningscentralen vorbereiten. Auch da will man sich nicht beim falschen Container erwischen lassen (es gibt wenig peinlicherliches als einen Fehlwurf in den Schrottcontainer aus 3 m Höhe, nebst runterkrabbeln und Falschgut wieder herauspulen – und das vor den Augen der in neongelb gewandeten Recyklingfachkraft – gerne blond und groß, Typ Volleyballerin linke Angriffsseite). Dann los und die übliche Runde.

Wichtigster Punkt auf unserer kurzen Liste der Besorgungen in der Ostseemetropole: Internet – Telenor Surf 30 Gigabyte. Immer dasselbe, immer bewährt. Auf dem Hinweg konnte uns der ICA in Vimmerby allerdings nicht helfen. Es gab „Probleme mit der Software“ – aaha, soooso! Egal, der ICA in Västervik ist eh größer, da gibt es einen Postschalter und überhaupt. Das läuft. Aber als wir da waren, nach Nummern ziehen und brav anstehen: nix, ingenting, nada. Keine Gigabytes für Axel und Ralf.

Jetzt wird man etwas unruhig. Aber da hilft nur der Elgiganten. Da hat das immer geklappt. Kurze Abstimmung: am neu auf gemachten Rusta vorbei (die haben Farben und so’n Keks), raus über’n Kreisel, Hauptstraße, am Wassertum rechts, rein in den Kolonievägen. Parkplatz, raus, in die Halle und – Tusch! … Statt am Kundentresen des Elektrohändlers stehe ich in einem riesigen Fitnesscenter, zwei neuschwedische Grazien unterbrechen ihre Unterhaltung und starren mich an. Ich starre zurück. Kein Elgiganten mehr. Eisenpumpen stattdessen. Die Unruhe mutiert zur nackten Panik. Das kann nur ein Irrtum sein. Wieder raus. Axel die Situation hinstammeln, Ein Blick auf die Ladenfront beweist, Firmenname und Leuchtreklame sind Vergangenheit.

Es wird eng. Ohne Internet ist das mobile Arbeiten in der Karlsborg auf schriftliche Kommunikation beschränkt. Schon das telefonieren geht nur lala, wenn man keine Wlan Unterstützung hat. Suchen wir also. Auf der Webseite wird eine Filiale in Västervik angezeigt. Mitten auf dem Parkplatz von ICA. Hm, da waren wir doch gerade und gab es ein Elgiganten dort? Im Brustton der Überzeugung: Nein. Nie. Auf dem Parkplatz. Ha! Schwachsinn.

wie Sie sehen. Ein Elektrofachmarkt in einem Nullraum

Ich mach es kurz. Elgiganten ist jetzt bei Jula ums Eck. Direkt neben dem neuen Rusta /der Farbenfritze). Ham wa nich jesehn, obwohl wir davor standen, vorher. Selektiver Blick, eben.

Und weil das so neu ist, stimmen die Koordinaten noch auf der Seite nicht. Bei Elgiganten.se wird man übrigens immer noch zum. Kolonievägen geschickt, wo man dann im Gym landet. Aber das hatten wir schon.

Ansonsten kann man noch berichten, dass man jetzt beim Kauf von Datenvolumen die Telefonnummer des Routers und einen Namen (Zarsteck) angeben muss. Es scheint Veränderungen bei Prepaid in Sverige gegeben zu haben. Und deswegen gibt es auch Softwareprobleme (s. o.). Denkt dran, wenn Ihr einkauft.

Auf jeden Fall voll der Stress, so ein Stadtausflug. Da war es heute netter, am …

… Tag der kleinen Teile (eine Komödie)

Axel war den ganzen Tag im Wintergarten zugange. Wie immer nehmen Restarbeiten mehr Zeit ein als man sich vorstellte. Hier ein Leistchen gehobelt und eingepasst, da ein Dreieckchen eingesetzt, dort noch etwas Bauschaum aufgebracht. Kratz, kratz, klopf, klopf und plötzlich waren 6 Stunden rum.

Bei Theateraufführungen im Londoner Globe – so hab ich mal gelesen – wechselnden große Königsdramen mit kleinen Possen ab. Und das war nach der gestrigen Fast-Tragödie heute auch so. Es ging in dem kleinen Format um die uralte Geschichte Mensch gegen Materie (Also Axel gegen fitzelige Holzteilchen) verfeinert mit: „nie liegt eine Sache da, wo man sie braucht“ (meint: Wintergarten – Werkstatt und retour unendlich viele Male). Da war ich mit meinem Maintenance-Projekt „abgängige Regntonnen auf der Hausrückseite ersetzen und untereinander sowie mit dem Überlauf Richtung Brunnen koppeln allemal auf der sicheren Seite. Überschaubarer Materialaufwand, alles in einen Eimer und gemütliches Gebastel auf der sonnenbeschienenen Seite bis zum planmäßigen Abschluss.

Morgen geht es dann wintergartentechnisch auf die Zielgerade. Es müssen die ausgeschäumten Fugen mit Klebeband versiegelt und dann verleistet werden. Dazu gibt es dann aber auch bestimmt auch Bilder. Und wenn die Regenrinnen wieder angebaut und die Tonnen erneuert sind, können wir den ersten großen Zettel von der Wandnehmen.

Vorher war nachmittags Vorfrühling. Es hatte eine Wandergruppe vor der Tür, zwei Zitronenfalter, einen kleinen Fuchs (auch ein Falter), singende Vögel, schmelzendes Eis und die ersten Präsentationen weißer Männerbeine in der Kaffeepause (14 Grad vorhergesagt, 20 Grad bei der Fikapaus. Faktisk precis lagom (wie der Schwede sagt).

Noch sind die jungen Pflanzen zwar klein (man beachte die Krokusse) und die Eisblöcke z. B. im Wassertank groß (soviel Gin und Tonic gibt es gar nicht). Aber es wird. Frau Sonne lässt sich nicht entmutigen und der graubärtige Herr Winter wird auf die späten und frühen Tagesstunden sowie die Nacht verwiesen. Der Tag gehört dem Leben.

Und wenn die Astfresser kommen, stehen sie vor dem eingegitterten Bäumchen. Isländisch sozusagen. Dort nämlich sperren die Zäune die Schafe aus, um Baum und Gras zu schützen und nicht ein, wie bei uns.

Abends waren wir dann in bastun und göl. Waschen muss. Auch, wenn es echt kalt ist, im Wasser. Und wie das in der Karlsborg so ist, am Ende erledigt sich das Zetern von allein. Lecker Essen und Getränk, bullernder Ofen und ein Platz im Sessel… Obwohl, wenn ich das Langohr erwische, dann …

erstmal allseits gute Besserung wünscht die Besatzung des Luftkurortes.

Bambi ist ein Drecksack …

… und Meister Lampe auch

Hier in der Karlsborg ist noch Winter. Spätwinter zwar, aber eindeutig noch kein Frühling (auch, wenn es schon ein paar Schneeglöckchen gibt). Vor der Werkstatt liegt ein Restgletscher, den wir als Bergwerk für Eisaufgüsse in der Sauna nutzen (exquisites Aufgusserlebnis, übrigens), der Vassgöl ist mit einer Eisdecke überzogen (nein, nicht – mehr – begehbar), im Wald liegen überall Altschneeflecken, die Regentonnen sind allesamt geplatzt und heute auf dem Weg zur Recyklingstation, die Nachttemperaturen lagen bisher stabil kurz unter Null und Axel geht nur mit dem gefütterten Spielanzug arbeiten.

Unser kleiner Hausgletscher
Hier kann man nach der Sauna ein Eisbad nehmen

Ich trage Kunstpelz auf der Haut (kuschelig ist wichtiger als gut riechen) und der alte Spruch „arbeite Dich warm“ bringt einen gut durch den Tag (jedenfalls solange man nicht im immer etwas kühleren Wintergarten sitzt und kalte Füße bekommt).

Links: Wasser zum abwaschen, rechts: Glühwein zum Aufwärmen

Apropos Wintergarten. Die anliegende Galerie zeigt unsere gestrige „Söndags-Aktivitet“: Seekieferplatten ab, Fenster nacheinander rein, ausrichten, festschrauben (vorher die eine oder andere gut gemeinte Leiste wieder abpulen) und dann mit dem mitgebrachten Bauschaum die Fugen verkleistern. Jetzt haben wir wieder einen hellen Aufenthaltsraum und sehen den Restarbeiten (innen verleisten, büschen spachteln und streichen, Dichtungsgummi an der Tür wieder einkleben, Acrylcreme auftragen und und und) entspannt entgegen.

Sobald der fehlende Bauschaum aufgebracht wurde (wird heute nachgekauft), kann außen ein Dichtungsklebeband drauf, die Rahmen dran und fertig (so ist der Plan, der natürlich so nicht und sowieso nie eintreten wird).

Interessantes Detail: die Tür ist verkehrt rum. Also innen ist außen und außen ist innen. Irgendwie muss sich das Haus gedreht haben oder die Zeichnung lag verkehrt rum oder die Polarität des Universums hat sich umgekehrt. Anyway, geht auch. Muss nur noch eine kleine Blechschürze dran gebastelt werden, um den Unbilden der Wetterseite (Nord) etwas entgegen zu setzen.

Zweites Detail: niemals verarbeite Bauschaum bei kalten Temperaturen.

Denn erstens: Bauschaum braucht Wasser auf dem Trägermaterial. Sprühflasche leckt, Handschuhe sind nass, Finger sind eisig. Schlecht. Und zweitens: Bauschaum mag keine Kälte, dann kommt er nicht so aus der Dose, wie er soll. Resultat, Axel macht den Schnellkochtopf und entwickelt selber die innere Hitze, die der Dose fehlt. Nutzt aber nix. Schließlich drittens: Dose wird intern gewärmt. Führt zu besserem Austrittsverhalten (s. o.), aber zu mangelnder Dosierbarkeit. Also kollern überall Bauschaumkugeln rum und hinterlassen auf dem Weg schwer entfernbare Rückstände. Immerhin wird Axel dabei noch wärmer.

Aber auch hier gilt: „Vom Ende her denken“. Und das ist gut, wenn auch der Weg dahin immer holperige Phasen hat. Tolles Ergebnis: Durchsichtige Scheiben, klasse Sitzplatz. Well done, lieber Gerd.

Nun aber noch etwas zur Tierwelt

Also.

Ich verstehe, dass die armen kleinen und großen Fellträger in diesem Winter echt Hunger hatten. Ich verstehe das wirklich. Und ich kann auch nachvollziehen, dass die Mäuse im Haus ohne jedes Futter und Fressbare vorfindend Protestlieder singend abgezogen sind. Das ist irgendwie gemein von uns. Aber eben auch angemessen.

Nur das die niedlichen Rehlein und ein unglaublich rücksichtsloser Hase angefangen haben zunächst den Ginster runterzufressen, dann die Zwetschge und den Apfelbaum um die Frühlingstriebe brachten (Wildverbiss ist das Fachwort), schließlich meine frisch gepflanzte Brombeere aufmümmelten und – die Krönung – noch nicht mal vor den planmäßig und mühevoll eingegrabenen Krokussen auf dem Rasen Halt gemacht haben (innerhalb des umfriedeten Bereiches) – das schlüge ja nun dem Fass den Boden aus, wenn das der Frost nicht schon übernommen hätte (siehe oben: Stichwort Regentonnen).

Ich werde im Folgebeitrag den Hausfriedensbruch fotografisch dokumentieren und behalte mir weitere rechtliche Schritte vor. Und werde noch ein wenig rumzetern …

Einstweilen: gute Besserung allerseits.