Voll langweilig – Teil 4

Twilight Zone oder „Was ist Hultsfred?“

Bis zum 6.8. ist Smålsporet Hochsaison. Der Schienenbus mit einer Besatzung, die aussieht wie das Haus- und Hofpersonal aus der Verfilmung von Michel aus Lönneberga (der hier übrigens „Emil“ heißt), zuckelt bis zu sechs mal an der Karlsborg vorbei, dreimal nach Västervik und dreimal nach Hultsfred. Und – weil man ja schon des öfteren in Västervik war und wohl auch noch mehrfach hinkommt – wendet man sich folgerichtig Richtung Hultsfred. An der Station Fagersand steigt man ein (Handzeichen nicht vergessen) und freut sich an dem Interieur und den vielen Plätzen.

Aaaaallerdings sollte, könnte, dürfte oder vielleicht gar müsste genau das den Zugfahrer skeptisch stimmen. Denn das eine ist das Fahrerlebnis (und das ist wirklich toll in dem original erhaltenen Züglein mit dem superfreundlichen Personal, das aussieht wie – ach nee, das hatten wir ja schon), das andere aber ist das Fahrtziel . Und hier scheint die Weisheit des Schwarms zu greifen, denn es fahren gefühlt ALLE nach Västervik und zurück zum jeweiligen Startpunkt (welcher dann auch H. sein kann), aber ganz offensichtlich fährt KEINER nach H. um eines expliziten Besuches des Ortes willen.

Arbeiten wir im folgenden und am unten stehenden ikonographischen Motiv heraus, woran das möglicherweise liegen könnte. Und suchen wir in dieser Analyse die (manchmal etwas morbiden) Besonderheiten, die dann doch eine Reise wert sein mögen (oder den Aufenthalt in H. zumindest mit sinnvollem Inhalt füllen).

Bestattungsinstitut? Nein, ein Hotel.

H. nennt sich Music City (was einer umfangreichen Festivalhistorie zuzuschreiben ist, die ihren Klimax anscheinend in einem Metallica Konzert Anfang der 2000er Jahre gefunden hat). Es gibt einen Erlebnispfad dazu, eine App mit AR Anteilen, ein Archiv und eine Ausstellung (diese schließt im Juli um 15:00h!). Rock rauscht bestenfalls als fernes Echo über H.

Ansonsten ist die jüngere Geschichte des Örtchens mit der eines ebensolchen zu vergleichen. Sehr wenig passiert, das aber regelmäßig.

H. war eine Industriestadt. Handel und Wandel sorgten bis in die 70er hinein für kommunalen und individuellen Wohlstand. Das Zentrum mit nach Innen orientierter „Mall“ und die Wohnhäuser aus dieser Zeit belegen das. Es gibt ein Hotel mit noch mehr Stockwerken als das abgebildete, mit Metallfassade und sortenreinem Spätsiebziger-Look, der leider durch 80er Gestaltungskrebs und einen 90er Glasvorbau gebrochen wird.

Und es gibt die Stille. Eine irgendwie andauernde Dämmerung liegt über H., vielleicht so, wie das Schloss von Dornröschen gewirkt haben muss, als der Schlaf alle überfiel. Twilight dominiert: vor dem Hotel im Bild dudelt Muzak und keiner ist da. Auf dem Spielplatz sind Kinder, aber aus 20 m Entfernung hört man nichts mehr. Freundinnenpaare rauschen beim Walking über die sozialdemokratisch anmutende Sport- und Freizeitanlage am See Hullingen, Dropouts sitzen vor dem Coop, sogar ein Gruftie und ein Punk wurden gesichtet. Und irgendwie wartet man und alle auf … nichts.

Die neuesten Investitionen in H. sind zwei große Altenwohnanlagen (wirklich top, denke ich) und wenn man sich auf die beiden Fensterputzer und die Bewohner in den Glasveranbden konzentriert, könnte man vom beginnenden Strukturwandel träumen. Fällt der Blick aber auf die 7 (in Worten: SIEBEN) gleichzeitig über das riesige Abstandsgrün kriechenden Mähroboter, dann stellt sich der Verdacht ein, dass die moderne Servicegesellschaft in H. von Robotern und sinnloser Geschäftigkeit geprägt sein wird.

Es gibt den Gegenimpuls: Neuschweden, die Läden aufmachen und ohne Rücksicht auf Verluste lautstark arabisch und schwedisch mischen, die sich nicht unterkriegen lassen wollen und die die Dämmerung durchbrechen. Ob zu einem neuen Morgen wird man sehen.

Im Gedächtnis bleiben zu H. die alten Häuser und die Idee einer Stadt, die aus dem Dornröschenschlaf erwacht, das alte Hemd der Endsiebziger glatt zieht und sich wieder als das erfindet, was sie war und vielleicht noch ist: eine Industrie- und Arbeiterstadt am Hullingen und nicht eine Altenwohnanlage in Stadtgröße.

Aber für uns (nach Regen, geschlossenen Einrichtungen und fröstelnd im kriechenden Nebel der alter Erinnerungen der Music City H.) hieß es um 18:00h zurück in die Burg …

ab nach Haus …

… da ist es auf andere Weise voll langweilig!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert