Und kalt ischt es au‘ …

… täte der Herr Bundeslöw sage, dem im Moment aus gutem Grund eine gewisse abgehobene Attitüde nachgesagt wird. Das ist der Fluch des brasilianischen Erfolges, denke ich mal. Vermutlich steht der Jogi jeden morgen vor dem Spiegel und denkt sich „Warum tu ich mir das eigentlich noch an. Alles Luschen, die vonner Presse und beim DFB“ (ach nee, das wär ja O-Ton Watzke, der Jogi wär irgendwie weicher, breisgauerisch im Dialekt) – Aber das ist ja auch komplett wurscht, weil es mit dem eigentlich „Topic“ oder „Issue“ von heute gar nichts zu tun hat. Und bevor ich einmal über den remote-slang im Klein-„was-ich-immer-schon-mal-sagen-wollte“-Tal abätze, mach ich erstmal das wirklich wichtige: die Nachrichten aus der Karlsborg.

Hausarrest geht weiter

ich war auch heute nicht im Wald. es ist kalt und klar und man hört (trotz kaputter Ohren und Frequenzlöchern) Leute in kilometerweiter Entfernung reden, Autotüren klappen, das beunruhigende Geräusch durchladender Gewehre und den scharfen Knall von Vollmantelgeschossen, die (vermutlich waidgerecht) dem Leben der Geweih tragenden Semi-Haustiere hier im Wald ein Ende setzen. Naja, so schlimm ist es auch nicht: Zweimal hab ich es Knallen gehört.

Aber, zusammen mit Arbeit und Barschangeln bin ich so zweimal ohne Spaziergang durch den Tag und muss morgen u_n_b_e_d_i_n_g_t Pilze einholen und eigentlich auch Einkaufen. Und mich waschen und in die Bastun – und arbeiten und einen Barsch fangen und und und – reine Überforderung, das. Und dann werden die Tage immer kürzer. Und dunkel ist richtig dunkel und morgens muss man erst Feuer machen und abends eigentlich auch – au au au, es ist echt schwierig.

Schön ist der Herbst aber trotzdem

Dann macht es Sinn, die Bremse reinzuhauen, tief durchzuatmen und sich zu sagen: „Was geht, geht und was nicht, geht nicht. Gestern ist egal und morgen ist nachher schon vorhin, also leb im Moment. jawoll.“

Heute morgen war Eis auf der Waschschüssel, Rauhreif überall und der Göl unwirklicfh halb-benebelt mit blauem Himmelsdeckel drüber. Der Tag war golden. Hatte ich aber nüschts von, wegen Hausarrest und Arbeit.

Die Barsche beißen

Ich hab heute nach der Arbeit ein wenig geangelt. Und der Vassgöl-Barsch steht total auf Regenwurm. Spinner, Jigs und Gummifische interessieren überhaupt nicht. Regenwurm mit Pose wird direkt nach dem reinwerfen weg geschglürft. Kleinzeug kriegt man gut wieder vom Hsken, wenn man schnell anhaut und der eine oder andere maßige Barsch lässt sich blicjken. Meistenteils (und dass macht es spannend) wird vorsichtig der Wurm genommen und beim Ziehen derselbe plus Haken wieder ausgespuckt, einmal mit der Flosse gewinkt und das Weite gesucht (und gefunden). Verbrauchsfischen mit Unterhaltungswert.

Suada (ach, die schenk ich mir)

Eigentlich wollt ich grad maulen. Über den Pseudo-Business-Code in unserer Branche, die sich ermüdend immer wieder wiederholenden Nullsätze mit den Worten „Relevanz“, „Prozess“, „Geschäftsmodell“ und „Disruption“ oder das wohlfeile Gequake über „Wir beschäftigen uns wieder nur mit uns selbst“ und „Wisst ihr überhaupt, was die Veranstaltung hier kostet?“ (Antwort: Nix, als ihr sowieso kostet, weil die beteiligten Nasen ansonsten auch keine abrechenbaren Leistungen produzieren würden). Und mir fällt U. K. Preuss ein, der so schön sagte „Ihre Rede sei kurz und vernichtend“ (und präzise, wie ich hinzufügen möchte).

Aber, dann denk ich mir so: Warum so überzeugt von der eigenen Sicht? Warum nicht einfach freundlich sein, warum nicht das Gute glauben (und trotzdem präzise sein, wie ich hinzufügen möchte).

Und erinnere ich mich an die durchsichtige Luft da draußen und den Frost und an das langsam Ein- und Ausatmen der dunklen Wälder. ich denke an Pilz, Beere und Fisch, bei denen ich mich bedanke, an die Großmutter Eiche und die raschelnden Birken, an den flammend roten Ahorn und die zeternden Meisen und dann ist kurz … Frieden.

Und wenn ich könnte, würd ich den Moment festhalten, aber er ist schon vom jetzt ins vorhin gewechselt und ich nehm mir vor: Morgen mach ich nur Sachen, die ich wirklich, wirklich, wirklich tun will.

Einen schönen guten Abend allerseits.

S’chat Egli im Teich …

was nicht etwa schwedisch sein soll, denn das wäre eher „Vi har arborre i gölen“. Nein, „Egli“ ist der schweizerdeutsche Name für Flussbarsch. Und diesen feinen See- und Flussbewohner durfte ich am Züri-See mal in der Form extra leckeren „Fuustfisch“ kennen und genießen lernen. Fein fritierte Barschstückchen, warm, auf die Hand, ähnlich wie Fish’n’Chips, aber nicht so brutal wie auf der Insel serviert.

Heute gab es das bei mir auch. Und zwar satt.

Das kam so:

Ich war heute arbeitsmäßig unter Vollast und nachdem mir am Nachmittag die Augen richtig weh taten und der Schirm vor meinen Augen verschwamm, wäre eigenntlich ein Pausenspaziergang mit Augen ausruhen angezeigt gewesen. Davon (und dem unweigerlichen Pilze suchen) hab ich aber Abstand genommen, ich hatte Karlsborg-Arrest. Mats und Papa Thomas sind diese Woche jagen und ich wollte mich dann doch weder dem Risiko eines versehentlichen Blattschusses noch einer generationenübergreifenden Vendetta wg. Wild-Verscheuchens aussetzen.

Also hab ich meine Augen mit Blick über den Vassgöl ausgeruht. Zur Unterhaltung wurde geblinkert und ge-gummifischt, beides folgenlos, was ja auch beabsichtigt war.

Dann hat mich der Hafer gestochen und ich hab mir einen Wurm gesucht (erster Stich mit der Grabeforke) und den ins Wasser gehängt. Es wurde auch bald gezupft, angehauen und nichts war dran, Haken in die Wasserpflanzen, Wurm ab – Mist. Dann war die Pause rum. Einmal sollte es aber noch versucht werden, deswegen nach dem Termin ein zweiter Wurm und ein sanftes Plopp an den richtigen Platz. So war die Absicht, aber Pustekuchen, mein Wurf ging vollkommen daneben, mitten ins Kraut links von der Badeplattform – einfach nichts.

Und doch, auch dort zupfte es, die Pose ging unter, wurde aus dem Kraut gezogen und ich konnte ohne größere Mühe meinen bisher größten Barsch (33 cm) einholen. Vier kleinere folgten noch, imt insgesamt zwei weiteren Würmern. Alle waren untermaßig und zwei konnten zurück gesetzt werden, zwei weitere mussten mit dem großen in die Küche.

Da wurden alle drei aus dem Anzug geschmeichelt (Barschhaut ist zäh wie Schuhleder, geht aber gut ab), mehliert und mit Eihülle im Wok gebraten. Und im Stehen in der Küche verzehrt. Das war super-ober-lecker. Eglis eben.

Und wie so oft wurde aus einem Fehlschlag ein netter Erfolg. Kann man was draus lernen.

Ach ja, und zur Vorspeise lecker gebratener Steinpilz. Auch fein.

Morgen ist mein Hausarrest vorbei (auch wenn ich erstmal auf den Wegen bleibe und eine buntes Gewand trage – man weiß ja nie.

Petri Heil!

Uuunnd es war Sommer …

„ich war siebzehn uuund sie einunddreisisch“, so knödelte er unnachahmlich, Deutschlands seinerzeit populärster Spätvertriebener oder Frühaussiedler (je nach Perspektive), der Siebenbürger Sachse Peter Maffay, bevor er über „Siehieben Brücken“ ging (geklaut von Karat) und dann putzige, pädagogisch wertvolle Kinderbelehrstücke mit dicken Drachen auf die Bühne brachte. Jener, mit einer Schönheitswarze auf der Oberlippe beglückte Jeansjackenträger („Mooole, Mole, Mole“ – siehe Austin Powers), der in Dagmis Mitbewohner Hannnns-Jörg in Göttingen einen ähnlich kleinwüchsigen, landsmannschaftlich aus gleichem Gebiet stammenden und nämlich virilen Wiedergänger fand, der gerne zu jeder Tages- und Nachtzeit … – aber das ist eine andere Geschichte.

Nun ja, auch wenn hier keine Coming of age Geschichten stattfanden, sondern das gepflegte Wechseljahrsgeplänkel älterer Herr- und Frauschaften dominierte, muss der obige Liedtitel zitiert werden, denn es war nun mal so. Und es ist es jetzt nicht mehr: Fertig, Ende, Finito, Klappe, Schluss, Aus-die-Maus, die eben davon keinen Faden abbeißt. Es hat sich mit Sommaren, nun ist Hösten und zwar richtig.

Und was macht man so „i Hösten“?

Also erstmal schaut man sich verdutzt um, denn eben war es doch noch prickelheiß und dauernd hell und bestenfalls Spätsommer. Und dann sieht man …

… gelb gefärbte Birken, die sich sofort schamhaft des unanständig auffälligen Blattwerks entledigen, tief hängende Wolken, mittel-kalt oder ziemlich kalt, mit klarem Himmel. Herbstpilze, die auch noch so heißen, ratzeputz raiserte Sträucher, abgepflückte Äpfel. Und stellt fest: es geht auf den Rest, aber hallo.

Immerhin gibt es lecker Herbstpfifferllinge und Herbsttrompeten und nach der unglaublichen Steipilzschwemme im September (das ist eine eigene Seite wert), kommt auch der eine oder andere frische Karl-Johann ums Eck (siehe Bild).

Ansonsten hat es Hallimasch, viel kleines Giftgezuppel (Grün- und Graublätterige Schwefelköpfe, spitz-gebuckelte Rauhköpfe), krause Glucken in Truthahngröße, Restpfifferlinge und allerlei Semmelstoppel. Die schwedische Marone ist ein Kümmerling, von Goldröhrlingen hat man hier nioch nicht gehört und Butterpilz und Kuhmaul stellen sich so in den Weg, das man allein deshalb indigniert darüber hinweg sieht.

Man verlegt, neben der Gartenarbeit, etwaiges Handwerken nach innen, pimpt die Bastun mit Bierflaschenfähigen Shampoo-, Seifen- und Kulturtaschenfächern (komplett individuell gefertigt!), hängt Bürste und Sisalreibe griffbereit und freut sich an Spaziergängen, Saunieren und Indoor-Gemütlichkeit mit Outdooraktivitäten. Kleinholz wird gehackt und gebraucht, Unkraut aus dem Kies gepolckt, Türen werden außen blau und innen weiß gestrichen und ansonsten wird die Seele gebaumelt.

Der Schwede hat dafür ein eigenes Wort „Fredagsmys“ (Freitagskuscheln), eine heilige Zeit vor dem Wochenende, in der Haushose, Bierdose, Gummibärchen und Chips eine wichtige Rolle spielen. Alleine oder mit dem, der Liebsten – auf jeden Fall „precis lagom“ (= genau richtig), was ebenfalls ein schwedenbeschreibendes Wort der Extraklasse ist.

Und sonst? Weil es früh dunkel wird, ändert sich das Badeverhalten. Aus dem disziplinierten täglichen Horizontalschwimmen ist das fakultative Vertikal-Baden geworden. Vorzugsweise kombiniert mit Sauna. Einmal rein, einseifen, nochmal rein und das ist dann auch genug. nd meist ist es dann auch noch duster: heute hab ich (wg. absoluter Windstille) in einem Vassgöl voller Sterne getauchbadet – spooky.

Von den fiesen Hirschlausfliegen schweigt des Sängers Höflichkeit. Deren geballtes Auftreten war glücklicherweise nur eine Episode, die aber höchst nervig, wenn auch nur in Forst und Busch. Bleibt man eben weg.

In Norrhult bin ich übrigens aktuell Dorfgespräch. Der bekloppte Deutsche, der OHNE AUTO im Sommerhaus rumhängt. Im Herbst. Und dann mit dem Fahrrad zum Einkaufen fährt oder gar mit dem Bus nach VÄSTERVIK.

Für ein Völkchen, dem der fahrbare Untersatz mindestens so am Hintern festgewachsen ist, wie dem durchschnittlichen deutschen ADAC-Mitglied, ist das Grund für Stirnrunzeln, ungläubiges Kopfwiegen und scheeles Schauen nach der Telefonnummer der sozial-psychiatrischen Ambulanz (wenn es hier sowas gibt und das nicht in Personalunion vom lokalen Sytembolagetchef, der gleichzeitig Blaukreuzler und Sozialarbeiter ist, gleich mitgemacht wird). Aber lustig finden sie es doch und gegrüßt werd ich inzwischen breitwürfig.

Schon mal mit Reflektieren anfangen

Noch’n Punkt. Vermutlich fragen sich die geneigten Leser:innen, warum so lange Funkstille war. Hm, weiß auch nicht so genau. „Es gab nichts wirklich wichtiges zu schreiben“, könnte ich sagen. Aber das gilt ja eigentlich die ganze Zeit. „Mir war nicht so“, das trifft es schon eher.

Ich hab viel Homeoffice gemacht, das war schon ok, aber auch anstrengend. Und dann mochte ich nicht mehr über Schweden schreiben, war ich doch virtuell die ganze Zeit in Bremen und W’dorf und Köln – und wollte doch eigentlich wenig bis gar nichts arbeiten. Immerhin bleiben die Pausen, der Feierabend und das Wochenende im Retreat. Ich werd erst merken, wie schön das war, wenn es vorbei ist.

Aber, und das ist dann meine nächste Aufgabe, arbeitsmäßig muss man wohl doch ein konsequenteres Vorgehen entwickeln. Und wenn das so gut klappt, wie das Home-Office-Plautze bekämpfen sag ich jetzt schon mal …

… herzlichen Glückwunsch und „Schönen guten Abend, allerseits“.

Ihr Ralf „Heribert“ Z.